Herbst

Herbst

(1.9.2018)

 

Auf der Fahrt nach Hause

zeigte mir gestern der Wald

stolz seine neuen bunten Kleider

Die Felder waren frisch bestellt

Die Luft roch nach Erde

Heute früh überbrachte der Nebel

bezaubernd über dem Fluss tanzend

dieselbe ergreifende Botschaft

 

Früher freute ich mich nicht so sehr

über die Ankunft des Herbstes

heute um so mehr

Das ist nicht nur eine Frage des Alters

Entscheidend sind die Wegbegleiter

und vor allem du

֎֎֎

 

 

 

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Weckruf

Weckruf

(29.8.2018)

 

Am helllichten Tag

erscheinen mir greifbar nah

mögliche Zukunftsbilder

 

Die Zeichen der tragischen Zeit

können kaum noch klarer sein

Bequemlichkeit und Feigheit

sind weitverbreitet, bestechend, betäubend

 

Wenn demnächst Illusionen

geräuschvoll zerfallen

in bohrende, brennende, beißende Scherben

und die angebliche Ahnungslosigkeit

ernüchternd verfliegt

werden wieder elend

Dörfer und Städte

in Schutt und Asche liegen

überzogen von dunklen Wolken

 

Am helllichten Tag

spreche ich vom Licht

von Verantwortung fürs Dasein

֎֎֎

 

 

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Bäume pflanzen

Bäume pflanzen

(26.8.2018)

 

In Erinnerung an Samir Amin (1931-2018)

 

Das Haus erschien aus der Ferne

beeindruckend prächtig

bei näherer Betrachtung

von innen verfallend

 

Suchend, denkend, mitfühlend

lehnte ich mich an einen alten Baum

der zärtlich, entschieden zu mir sprach

 

Sei du einer von den Menschen

die großmütig Bäume pflanzen

Bedenke mit sehenden Augen

wie die Meinung der Herrschenden

mit allen möglichen Machenschaften

zur herrschenden Meinung entwickelt wird

Bilden Gier und Gewalt

die Grundlagen der Gesellschaftsordnung

vereinnahmt die herrschende Meinung

vergiftend sämtliche Lebensbereiche

korrumpiert Schritt für Schritt

Gewerkschaften, Parteien

gesellschaftliche Bewegungen

Kunst und Wissenschaft

Gefühle und Gedanken

 

Gehöre du in diesem Strudel

der Verdrehung und Verbiegung

der Verelendung und Vernichtung

zu den wachen Wesen

die Rückgrat zeigen

den Blickwinkel erweitern

Ehrfurcht vor dem Dasein lehren

selbstlos Bäume pflanzen und pflegen

֎֎֎

 

 

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Gegensätzlichkeiten

Gegensätzlichkeiten

(17.8.2018)

 

mit Dank Wolfgang Jung gewidmet (Luftpost. Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein)

 

 

Wenn Nachrichten bösartig

meinen hart hergestellten Atemraum besetzen

wenn die Menschen so gleichgültig schweigen

dass meine Haut in der Stille schmerzt

wenn tiefe Traurigkeit träufelt

und das Papier sich gegen den Stift wehrt

unbeschwertes Dahingleiten im Sinn

dann strömen Worte weinend hinaus

 

In solchen Momenten verlasse ich den Raum

rede mit Pflanzen und Tieren

mit dem aus der Seele singenden Star

den Vögeln auf den Getreidefeldern

den Brombeeren am Rande des Steigs

den bunten Blättern der tanzenden Eiche

mit der Brise über der friedlichen Fulda

die für eine Weile innehält

mit der lachenden Sonne im hellroten Horizont

 

Sie lesen mir alle zwanglos, zärtlich

bezeichnende Zeilen des Daseins vor

beruhigenden, besänftigenden Balsam zum Überleben

 

So keimen kraftvoll strahlend

mitten in bedrückender Verzweiflung

Zuversicht, Wagemut und Freude

֎֎֎

 

 

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Die Fuldawiesen

Die Fuldawiesen

(5.8.2018)

für Bernhard Trautvetter*

 

So wie Wasser und Brot

brauche ich Begegnungen

mit den morgendlichen Sonnenstrahlen

 dem erfrischenden Gegenwind

dem einsamen Raben im Spazierschritt

den weiten Feldern mit dem Wald im Horizont

den Frühaufstehern mit ihren Hunden

Aber vor allem ersehne ich

Menschen mit Weitblick und Rückgrat

֎֎֎

 

*Der vorliegende Text entstand im Zusammenhang mit dem Artikels „Der große Krieg. Die globalen Kriegstreiber planen ihre letzte Schlacht.“ von Bernhard Trautvetter:

https://amirmortasawi.files.wordpress.com/2018/08/der-groc39fe-krieg.pdf

֎֎֎

 

 

 

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Lavendel

Lavendel

(4.8.2018)

 

Pflanzen, Düfte und Früchte

versetzen mich mitten im Alltag

in andere Sphären

So schwebe ich mit Hyazinthen

Stiefmütterchen und Mehlbeeren

durch den Teheraner Frühling meiner Kindheit

Geranien vermitteln mir den Gruß

des alten Gärtners der Schule

Maulbeeren spielen die Musik

des Werdegangs der Seidenspinner

Hand in Hand mit Rosenwasser

gehe ich gemächlich

durch Grabstätten und ihre Gärten

Löwenmäulchen, Basilikum und Pfefferminze

 beten mit mir mitten in Beeten

Wassermelonen ziehen mich zärtlich

in den kalten Bach hinein

Neulich hat sich Lavendel

lieblich hinzugesellt

Er bringt mich in den Spiegelsaal

bewegender Begegnungen

֎֎֎

 

 

 

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Geschichten und Gedichte

Geschichten und Gedichte

(28.7.2018)

 

in Erinnerung an Erich Fried (1921-1988)

 

Geschichten und Gedichte

geben wie die Gene

lebenswichtige Weisungen weiter

vom Herzen zum Herzen

Geschichten und Gedichte

werden wie die Gene

versetzt, verfälscht, vernichtet

damit die Interessen der Machthaber

rücksichtslos durchgesetzt werden können

Geschichten und Gedichte

beschütze ich beharrlich wie mein Rückgrat

im täglichen, trächtigen Kampf

gegen die Verbrecher unserer Zeit

֎֎֎

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Eindrücke

Eindrücke

(21.7.2018)

 

Auf beiden Seiten des Fahrradweges

frisch gemähte Getreidefelder

an kurz geschorene Köpfe erinnernd

zum Streicheln einladend

An einigen Stellen schon der neue Pflug

Schimmernde Heuballen abholbereit

 dazwischen ein einsamer Streifen Sonnenblumen

Eine Schar wilder Gänse emsig weidend

Ein junges Reh hastig den Weg überquerend

Kreisförmige Wellen im Baggersee

auf beschäftigte Insekten hinweisend

Großer Ratschlag der Vögel auf der Stromleitung

Der Himmel farbenfroh von der Abendsonne

Neben mir deine beglückende Anwesenheit

Immer wieder Hand in Hand

֎֎֎

 

 

 

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Selbstüberwindung

Selbstüberwindung

(19.7.2018)

 

In durchlöcherten Schuhschachteln

umgeben von Maulbeerblättern

sah ich die Entwicklung der Seidenraupen

ihr mehrfaches Häuten

die Entstehung der Kokons

das kurze Dasein der Schmetterlinge

die Farbveränderungen der kleinen Eier

 

In ständiger Selbstüberwindung

auf unterschiedlichen Ebenen

nahm mein Leben seinen Lauf

bei aller Versunkenheit und Glückseligkeit

stets begleitet von der Sehnsucht

einen Meißelschlag auszuführen

an der werdenden Statue

der Menschengesellschaft

֎֎֎

 

 

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Die Kunst des Belanglosen

Die Kunst des Belanglosen

(2.7.2018)

 

in Erinnerung an Hans Paasche (1881-1920)

 

Kapital und Macht wurden vermehrt

durch Herstellung und Vermarktung allerlei Gifte

und durch Behandlung der Folgekrankheiten

mit allem, was dazu gehörte

 

Unter diesen tragischen Umständen wurde

die Kunst des Belanglosen bewusst

von den Machthabern gefördert

unter schäbiger Mitwirkung

von Wissenschaftlern und Künstlern

So verdunkelten vielschichtig

hitzige Wortgefechte und irrwitzige Beschäftigungen

die Ursachen der gesellschaftlichen Misere

֎֎֎

 

 

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