„ … dass die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach Gewalt zu schreien begann.“

Das Leben ist wie ein Fluss voller Bewegung und Veränderung. Ein Mäander bedeutet nicht, dass der Fluss zurückfließt. Wenn ich heute den folgenden Text wiedergebe, geschieht es in der Hoffnung und mit dem Wunsch, dass die Menschen in Deutschland, die Geschichte des 20. Jahrhunderts intensiver berücksichtigend, sich gründlicher mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigen [1,2].

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[……] „Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war. Es ist selbstverständlich, dass eine solche jahrzehntelang betriebene Friedenspropaganda auch ihre bedenklichen Seiten hat, denn es kann nur zu leicht dahin führen, dass sich in den Gehirnen vieler Menschen die Auffassung festsetzt, dass das heutige Regime an sich identisch sei mit dem Entschluss und dem Willen, den Frieden unter allen Umständen zu bewahren.“ Wer aber so denke, fuhr er fort, beurteile die Ziele seiner Politik falsch. Und noch einmal bekräftigend: „Der Zwang war die Ursache, warum ich jahrelang nur vom Frieden redete.“

[…] „Es war nunmehr (um die territorialen Forderungen gegen die Tschechoslowakei durchzusetzen – K.P.) notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, dass es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen.“ Diese Arbeit wäre seit Monaten planmäßig geleistet worden. Es seien bestimmte außenpolitische Vorgängen so beleuchtet worden, „dass die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach Gewalt zu schreien begann.“ [3]

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Bemerkungen

[1]
Buchempfehlung: Ukraine im Visier. Russlands Nachbar als Zielscheibe geostrategischer Interessen. Herausgeber: Ronald Thoden, Sabine Schiffer
https://amirmortasawi.wordpress.com/2014/11/21/ukraine-19741744/

[2]
Samir Amin: The return of fascism in contemporary capitalism
Monthly Review; Volume 66, Issue 04, September 2014
http://monthlyreview.org/2014/09/01/the-return-of-fascism-in-contemporary-capitalism/

[3]
Es handelt sich hier um Auszüge aus der Rede Hitlers vom 10.11.1938 vor ausgesuchten Nazijournalisten in München. Die Zitate sind auf Seite 95 und 96 des folgenden Buches zu finden:
Kurt Pätzold: Kein Streit um des Führers Bart. Kontroversen um Deutschlands „dunkle Jahre“ 1933 bis 1945.
2013, PapyRossa Verlag, Köln

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19. Februar 2015

Buchempfehlung: Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung; von Prof. em. Maria Mies

Nachts streuten wir in der Kälte unsere Herzen,
und der Frühling gedieh am nächsten Tag. [1]


Es gibt Menschen, deren Denk- und Lebensweise die Grundlagen der kapitalistischen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse gefährdet. Viele lassen sich kaufen, zähmen und als Komplizen in das nationale und internationale System der Unterdrückung und Ausbeutung eingliedern. Einige kämpfen ein Leben lang für grundlegende Veränderungen im Sinne der Ehrfurcht vor den Lebewesen und der Natur. Zu den letzteren gehört Prof. em. Maria Mies [2].

Eine verständlich geschriebene, zum Nachdenken und Handeln einladende Zusammenfassung ihrer aus Praxis sowie aus Lehre und Forschung gewonnenen Erkenntnisse liefert ihre Schrift „Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung“ [3]. Ihre nationalen sowie internationalen Tätigkeiten und Verbindungen verhalfen ihr, einen breiten Blickwinkel bei der Erarbeitung der Hintergründe der ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Probleme unserer Zeit zu erlangen und nach gründlichen Lösungen zu suchen [4].

Das Buch wurde vor dem Zerfall der Warschauer Vertragsorganisation, vor den NATO-Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak und Libyen, vor der weltweiten Ausdehnung der das Leben verachtenden neoliberalen Globalisierung sowie vor dem Schwindel erregenden Anwachsen des militaristischen Denkens und Handelns in Deutschland geschrieben. Es liefert eine gute Grundlage, diese Entwicklungen zu durchleuchten und zu bekämpfen.

Weiterlesen:
https://amirmortasawi.files.wordpress.com/2015/06/patriarchat-und-kapital1.pdf

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Maria Mies: Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung
aus dem Englischen übersetzt von Stefan Schmidlin
fünfte Auflage; 1996; Rotpunktverlag Zürich

Eine weitere Auflage ist für 2015 vorgesehen.

Titel der englischen Ausgabe:
Patriarchy and accumulation on a world scale: women in the international division of labour.
1986; Zed Books London; neue Auflage 2014

Im erhabenen, ausdrucksvollen Kleid der Nacktheit (Mohammad Reza Shafi’i Kadkani) محمّد رضا شفیعی کدکنی

Mohammad Reza Shafi’i Kadkani[1], der iranische Dichter und Hochschuldozent, ist immer wieder eine erfrischende Quelle der Inspiration. Heute beim Spaziergang nahm ich in Anbetracht der im Keimen begriffenen Bäume sein Gedicht „“Im erhabenen, ausdrucksvollen Kleid der Nacktheit““ mit allen Sinnen wahr. Es entstand der folgende Text. Der persische Originaltext und eine sinngemäße Übersetzung des Gedichtes sind beigefügt.

Rotenburg an der Fulda, den 15.2.2015

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Erhabene Nacktheit

Bäume habe ich betrachtet
in unterschiedlichen Trachten,
und keine war schöner
als die blattlose Nacktheit
in Erwartung des Frühlings.

۞۞۞

Im erhabenen, ausdrucksvollen Kleid der Nacktheit
von Mohammad Reza Shafi’i Kadkani

Ich habe diesen Baum
im Gange des Jahres
in vier Kleidern gesehen und begutachtet.
Viele Gedichte habe ich ebenfalls für ihn geschrieben:
im Engelskleid des Schnees,
in kurzen Ärmeln der Tage von Farvardin [2],
im grenzenlosen Grün des Sommers
wie ein zarter Seidenstoff,
in den Winden wehend
mit gelben und roten Seidenfasern des Herbstes.
۞
In keinem Kleid kam er besser zur Geltung
als im Moment der Erneuerung aus der Tiefe des Alterns,
während der letzten Tage von Esfand [3],
im erhabenen, ausdrucksvollen Kleid der Nacktheit.

۞۞۞

Bemerkungen:

[1] Weitere Schriften und Übersetzungen unter:
https://amirmortasawi.wordpress.com/category/%D9%85%D8%AD%D9%85%D9%91%D8%AF-%D8%B1%D8%B6%D8%A7-%D8%B4%D9%81%DB%8C%D8%B9%DB%8C-%DA%A9%D8%AF%DA%A9%D9%86%DB%8C/

[2] Farvardin (deutsche Schreibweise: Farwardin) ist der erste Monat des iranischen Sonnenjahres und fängt mit dem Beginn des Frühlings (normalerweise am 21. März) an.

[3] Esfand ist der zwölfte und letzte Monat des iranischen Sonnenjahres und dauert von ca. 20. Februar bis 20. März.

۞۞۞

محمّد رضا شفیعی کدکنی
در جامهء بلیغ و بلندِ برهنگی

من این درخت را
،بر رهگذار سال
در چار جامه دیده ام و آزموده ام
:بسیار چامه نیز برایش سروده ام
در جامهء فرشتگی برف
با آستین کوته روزان فروَدین
با سبز بیکرانهء تابستان
،همچون حریر نرمی
در بادها وزان
با زرد و سرخ رشتهء ابریشم خزان
۞
در هیچ جامه جلوه نیفزود
آن سان که وقت نو شدن از عمق کهنگی
در روزهای آخر اسفند
.در جامهء بلیغ و بلند برهنگی

۞۞۞

Druckversion:  Erhabene Nacktheit