Frühlingsknospen

Frühlingsknospen

(20.3.2017) 

Einen wirksamen Schleier
breiteten die sich allmächtig Erscheinenden
über das wahre Wesen der laufenden Ereignisse
und prahlten ihre eigene Fortdauer
Als ich die Bedeutung der Vergänglichkeit
und den geschichtlichen Charakter der Gegenwart
gründlich erkannte
entwickelte sich meine freudige Zuversicht
wie feine Frühlingsknospen
۞۞۞

Zitternde Macht

Zitternde Macht

(4.3.2017) 

Rainer Mausfeld gewidmet

Dich werde ich

entschieden entwurzeln

Deine Vergangenheit

vielschichtig vernichten

Deines Gehirns Schaltkreise

gewaltig umgestalten

Ohne Verbindung zu deinen Vorfahren

ähnelst du einem wehrlosen Wesen

So werde ich meine Macht

Tag für Tag neu beschreiben

Und doch wird meine Angst

vor dir

zum Denken befähigt

nicht völlig berechenbar

quälend fortbestehen.

۞۞۞

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Frühlingsbrise

Frühlingsbrise

(März 2010)

Inspiriert durch Omar Khayyam (1048-1131) entstand der folgende Text.

Liebkosen soll die Frühlingsbrise

das zarte, liebliche Blumengesicht.

Die grüne Zärtlichkeit der Wiese

ergänze eine Schönheit, wie im Gedicht.

Sprich nicht über das Gestrige,

lass das Vergangene vergangen sein.

Sei froh und genieße das Heutige,

der Zauber kann bald verflogen sein.

۞۞۞

Druckversion: fruehlingsbrise

Verlockung

Verlockung

Inspiriert durch ein Gedicht des iranischen Poeten Siavash Kasraii (1927-1996) entstand der folgende Text.

۞۞۞

Verlockend fordert die erwachte Blumenlandschaft

zum Spaziergang durch die hellgrüne Zärtlichkeit auf.

Die verliebten Nachtigallen umgarnen mein Herz,

der belebende Wind zieht sanft an meiner Hand.

Und ich, in meinem notgedrungenen Exil

atme die wohlriechende Brise ein,

mich zur Rückreise einladend,

liebevoll und geduldig

۞۞۞

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Schreibe

Schreibe

(18.2.2017)

Schreibe von den Fingerspitzen

die zärtlich deine Wangen berühren

Schreibe von deinen Tränen

die Herzen zum Blühen bringen

Schreibe von dem Zitronenkern

der als Bäumchen deinen Tisch schmückt

Schreibe von den blaugrauen Tauben

die vor deinem Zimmer trinken

Schreibe von den winzigen Mücken   

die im flirrenden Sonnenlicht tanzen

Schreibe von dem leuchtenden Wunder

das in dir tobt und singt

Schreibe von meiner Liebe zum Leben

die durch Menschen wie dich wächst

֎֎֎

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Sonne der Mitternacht

Sonne der Mitternacht

Ein Gedicht von Nader Naderpour  (1929-2000)

Teheran, Ende November 1978

Sinngemäße Übersetzung aus dem Persischen von Afsane Bahar

 

 

۞۞۞

1

Der Mann sagte:

„Die Sonne wird in jener Ecke aufgehen.“

(Er zeigte mit seiner Fingerspitze auf einen Punkt.)

Wir blickten in jener Richtung:

ein roter Punkt brannte in der vernebelten Ferne der Nacht.

Der Mann sagte:

„Die Sonne wird ab jetzt nicht mehr der alte Wüstenwanderer sein,

der die Morgenröte mit dem Abendrot verbindet,

sondern er wird ein groß gewachsener Jüngling sein mit schmaler Taille,

mit Weizen farbenem Haar und goldenen Augen,

der ein Seidenkleid trägt so rein und klar wie Salz und Licht,

der eine Halbkrone aufgesetzt hat wie der Kamm von Wiedehopfen,

der Stiefeln angezogen hat, roter als Entenfüße,

der ein Pferd reitet und nicht rastet,

um euch zum Besichtigen der Welt aufzurufen.

In meiner Vorstellung sah ich die ganze junge Sonne,

das Entzücken der Begegnung war so groß, dass ich weinte …

2

Obwohl wir sahen, dass die Nacht durch und durch dunkel war,

sagte der Mann: „Jenes Wunder ist nah.“

So blickten wir nochmal in der Richtung, die er zeigte:

auf einmal entfachte der Blitz ein Feuer an jenem versprochenen Ort,

ein Teil der dunklen Nacht verbrannte in jenem blutigen Feuer.

Ein Greis trat aus der Flamme heraus:

unter seinem Hut, der der jüdischen Hauptbedeckung glich,

verbreitete er das Haar wie Stroh um seinen Kopf,

er trug einen Ghaba,*

der den Sklaven der vergangenen Zeiten gehörte,

sein fetter Körper war klein,

sein roter, zorniger Blick war weinend,

sein lahmes Bein war wie bei jenem alten Wüstenwanderer nackt,

seine verbrannte Klaue war voller Blut.

Im Horizont weilte er ein Moment wie der erste Morgen,

danach machte er eine Kehrtwende.

Wir alle sahen die falsche Sonne in der Mitternacht,

das Weinen war so heftig, dass ich lachte …

۞۞۞

 

Anmerkung

*  Ghaba ist eine lange Männerbekleidung im Iran.

۞۞۞

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* تو آنِ جاودان را در جهان خود پدید آور

* تو آنِ جاودان را در جهان خود پدید آور

برای گلِ نار، سیما و میترا

هفت آبی آسمان

نرمای نَفَسِ خاک

نقش آفرینی بوسهء باد

حریر التیامِ آتش را

با دریای دلم در میان گذاشتم

در بسترِ شکوفه ها زاینده آرام گرفت

۞۞۞

Rotenburg an der Fulda

بیست و سوّم بهمن ماه هزار و سیصد و نود و پنج

۞۞۞

برگرفته از سرودء زنده یاد احسان طبری *

 

آنِ جاودان

در این عُمرِ گریزنده که گویی جز خیالی نیست

تو آنِ جاودان را در جهانِ خود پدید آور

که هر چیزی فراموش است و آن دَم را زوالی نیست

در آن آنی که از خود بگذری وَز تنگ خودخواهی

برآیی در فراخِ روشنِ فردای انسانی

در آن آنی که دل برهانده از وسواس شیطانی

روانت شعله ای گردد فروسوزد پلیدی را

بدرّد موج دود آلود شک و ناامیدی را

به سیرِ سال ها باید تدارک دید آن آن را

چه صیقل ها که باید داد از رنج و طلب جان را

به راه خویش پای افشرد و ایمان داشت پیمان را

تمام هستی انسان گروگان چنان آنی است

که بهر آزمونِ ارزشِ ما طرفه میدانی است

در این میدان اگر پیروز گردی گویمت گُردی

وگر بشکستی آن جا زودتر از مرگ خود مُردی

 

https://www.youtube.com/watch?v=16UcGhQgNb8

۞۞۞

نسخه برای چاپ

11022017